Online-Tests mit Menschen mit Behinderungen

Letzte Änderung 07/2021

Wie gut können Nutzertests mit Menschen, die assistive Technologien verwenden, online durchgeführt werden? Welche Herausforderungen ergeben sich, wenn sich Testleitung und Testperson in einem Online-Konferenzsystem treffen? Welche methodischen Aspekte sollte man bedenken? Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt einer Erprobung, die wir im Projekt Team Usability durchgeführt haben.

Die Erprobung fand mit Mitgliedern unseres externen Teams in unserem Online-Konferenzsystem Zoom statt. Unser externes Team besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen und sie nutzen entsprechend unterschiedliche assistive Technologien.

Testgegenstand war eine Web-Anwendung, die aus einem mehrstufigen Buchungsprozess besteht. Im folgenden Artikel geht es nicht um die Ergebnisse der Nutzertests, sondern darum, wie gut sich solche Tests unter bestimmten Bedingungen durchführen lassen.

Unser Rat: Wenn Sie Testpersonen einbinden möchten, die assistive Technologien nutzen, sollte der Testgegenstand weitestgehend barrierefrei sein. Nur so ist sichergestellt, dass der Testgegenstand auch mit Hilfsmitteln navigier- und bedienbar ist und man sich auf die User Experience konzentrieren kann.

Wie sind wir vorgegangen?

Der Testleitfaden

Vorab haben wir unseren Testleitfaden analysiert und ein paar methodische Anpassungen vorgenommen. In großen Teilen ist er vergleichbar mit klassischen Nutzertests:

Wie immer: Nicht Sie werden getestet, sondern das Webangebot.

Um Stress von der Testperson zu nehmen, ist es hilfreich zu betonen, dass der Test ausschließlich dazu dient, die Nutzerfreundlichkeit und Zugänglichkeit der Webanwendung weiterzuentwickeln, und nicht, Kenntnisse und Fähigkeiten der Testperson zu prüfen.

Neu hinzugefügt: Bitte nicht die gewohnten „Umwege“ nehmen.

Menschen mit Behinderungen haben sich daran gewöhnt, sich bei weitgehend nicht-barrierefreien Internetseiten mit Tricks und Hilfslösungen zu behelfen. In einem Nutzertest sollte man unbedingt darauf hinweisen, dass dies im ersten Schritt nicht gewünscht ist, denn wir wollen mit Hilfe des Tests Schwierigkeiten offenlegen. Die Testleitung hat daher erklärt: „Wenn Sie auf Schwierigkeiten treffen, versuchen Sie bitte nicht, diese durch Hilfslösungen und Umwege in den Griff zu kriegen, sondern benennen Sie offen alles, was nicht so regiert, wie Sie es erwarten.“

Die Durchführung in Zoom

Die Zusammenarbeit mit den Testpersonen erfolgte in unserem Online-Konferenzsystem Zoom. Über einen Link, den wir per Mail verschickt haben, konnten die Personen der Konferenz beitreten.

Unser Rat: Grundvoraussetzung für solche Tests ist ein Online-Konferenzsystem, das weitestgehend zugänglich ist. Noch ist das keine Selbstverständlichkeit, also unbedingt prüfen, z. B. über eine Rückfrage beim Hersteller. Wir haben mit Zoom getestet, doch die grundsätzlichen Ergebnisse dürften auf verschiedene Online-Konferenzsysteme übertragbar sein. Wir empfehlen Technik-Checks vorab.

Nach dem Login sahen wir uns in der Galerieansicht, begrüßten die Testperson, führten – entlang des Testleitfadens – in den Test ein und ließen uns einige Fragen zur Nutzungsweise und zur IT-Affinität beantworten, die uns im Anschluss helfen, die Ergebnisse einzuordnen.

Kleine Bilder der Teilnehmenden vor schwarzem Hintergrund: ein Mann, zwei Frauen - alle mit Headsets.
Wir treffen uns online: Tester, Testleitung und Protokollantin in der Galerieansicht.

Nach der Vorbefragung teilte ich die URL für den Nutzertest über den Chat. Sobald die Testperson die Webseite in ihrem Browser geöffnet hatte, bat ich sie, ihren Bildschirm zu teilen. Zu sehen war dann die Bildschirmansicht der Testperson und – als Miniatur seitlich – die Teilnehmenden.

Screenshot des geteilten Bildschirms mit der Webseite impfterminservice.de und kleinen Bildern der Teilnehmenden
Nun sehen wir den geteilten Bildschirm unseres Testers und können sein Vorgehen mitverfolgen.

Unser Rat: Ein Vorteil der entfernten Zusammenarbeit ist, dass die Teilnahme von stillen Beobachtenden einfach ist und alle gute Sicht haben. Beobachtende sollten sich zu Beginn des Tests kurz vorstellen und dann Bild und Ton ausstellen. Dies mindert die Gefahr, dass die Testperson zu sehr abgelenkt sein könnte.

Online testen mit Screenreadern

Im Web lesen und navigieren blinde Menschen mit Screenreadern, also Bildschirmvorleseprogrammen. Ein Screenreader ist eine Software, die Webseiteninhalte über eine Sprachausgabe (mit synthetischer Stimme) ausgibt, gegebenenfalls zusätzlich über eine Braillezeile (in der Blindenschrift Braille). Die gängigsten Screenreader bei Desktop-Computern sind laut WebAim-Survey (englischsprachig, 2019) JAWS und NVDA. Für Deutschland gibt es dazu keine Einzelerhebung – unsere Erfahrung bestätigt dieses Ergebnis jedoch.

Wie klappte es technisch?

In Zoom haben wir sowohl mit NVDA- als auch mit JAWS-Nutzer:innen getestet und beides klappte technisch gut. Die Testperson konnte, wenn sie ihren Bildschirm teilte, wählen, welches Fenster sie freigeben möchte: Hier haben wir „den ganzen Bildschirm teilen“ ausgewählt und – ganz wichtig – unten das Häkchen bei „Computerton freigeben“ gesetzt. So konnten auch die Beobachtenden die synthetische Stimme des Screenreaders der Testperson gut hören.

In NVDA gibt es alternativ die Möglichkeit, den Sprachbetrachter zu aktivieren und die Ausgabe des Screenreaders als geschriebenen Text mitzuverfolgen (unter NVDA_Werkzeuge_Sprachausgaben-Betrachter). Live den Sprachbetrachter-Text zu lesen und mitzuverfolgen, was die Testperson macht, ist allerdings herausfordernd. Diese Methode eignet sich daher besser, wenn man einen Mitschnitt plant.

Unser Rat: Es empfiehlt sich in den Einstellungen von Zoom voreinzustellen, dass nicht nur der Host, sondern auch die Teilnehmenden ihren Bildschirm freigeben können. So bleibt die Testleitung bei Bedarf handlungsfähig. Es ist außerdem hilfreich, einige Tastaturkürzel zu kennen (z. B. Bildschirmfreigabe starten), denn für Screenreader-Nutzende ist es oft einfacher mit Tastaturkürzeln zu arbeiten.

Was haben wir methodisch verändert?

Eins nach dem anderen: Dem Screenreader zuhören, dann laut denken.

Für Screenreader-Nutzende haben wir die „Think-Aloud-Methode“ leicht angepasst. Bei dieser Methode wird die Testperson gebeten, Gedanken und Gefühle laut auszusprechen, während sie mit dem Testgegenstand interagiert. Menschen, die einem Screenreader zuhören wollen, können nicht gleichzeitig laut denken. Wir haben der Testperson vorab signalisiert, dass uns das klar ist und was die Lösung sein könnte: „Bitte formulieren Sie immer wieder Ihre Gedanken und Gefühle laut. Und nehmen Sie uns, die Ihre assistive Technologie nicht so gut kennen, mit. Ich weiß, dass das für Sie eine besondere Herausforderung ist, da Sie Ihrer Sprachausgabe zuhören möchten. Versuchen Sie daher bitte regelmäßig kurz inne zu halten und Ihre Gedanken und Ihr Vorgehen zu beschreiben.“

Online testen unter Vergrößerung

Menschen mit Seheinschränkungen benötigen vergrößerte Bildschirminhalte. Bei höhergradigen Einschränkungen nutzen sie Vergrößerungssoftware. Neben der Vergrößerungsmöglichkeit des Browsers oder der integrierten Lupe des Betriebssystems ist laut WebAim LowVision-Survey (englischsprachig, 2018) vor allem ZoomText sehr verbreitet.

Wie klappte es technisch?

Das Testen mit unserem ZoomText-Nutzer klappte zwar grundsätzlich, allerdings wurde auf dem geteilten Bildschirm nicht die vergrößerte Bildschirmansicht der Testperson übertragen.

Screenshot der Ansicht im Konferenzsystem Zoom: geteilter Bildschirm mit der Webseite impfterminservice.de ist ohne Vergrößerung sichtbar, daneben die Bilder der Teilnehmenden.
Die auf 400 % vergrößerte Bildschirmansicht unserer Testperson mit Seheinschränkung wird bei Bildschirmfreigabe in Zoom nicht übertragen, eine Alternative musste her.

Das schränkte das Verständnis für die Nutzungsweise und eventuelle Schwierigkeiten ein, so dass wir eine Alternative brauchten: die Windows Bildschirmlupe (Einstellungen > Erleichterte Bedienung>  Bildschirmlupe). Grundsätzlich ähnelt die Bildschirmlupe in der Nutzungsweise der Vergrößerungssoftware, die geringere Fontglättung und fehlende Sprachausgabe können in Absprache mit der Testperson in Testsituationen vernachlässigt werden.

Was haben wir methodisch verändert?

Methodisch waren keine Anpassungen nötig: Für Menschen mit Seheinschränkungen, die visuell arbeiten, ist die „Think-Aloud-Methode“ anwendbar.

Online testen mit Spracherkennung

Spracherkennungssoftware erfüllt zwei Funktionen: Sie wandelt Sprache in Text um und ermöglicht es, mit gesprochenen Befehlen zu navigieren. Sie wird typischerweise von Menschen mit motorischen Einschränkungen verwendet (siehe WebAim Motor Disabilities Survey, englischsprachig, 2013). Marktführer ist die Spracherkennungssoftware Dragon NaturallySpeaking: Auch unsere beiden Testpersonen arbeiteten damit.

Wie klappte es technisch?

In Zoom konnten wir das Vorgehen der Testpersonen mithilfe ihrer Spracherkennungssoftware gut sehen: Diktierfenster, Navigationsbefehle und Mausraster wurden problemlos übertragen.

Was haben wir methodisch verändert?

Testpersonen, die eine Webseite mit Sprache steuern, können nicht gleichzeitig laut denken: Die Spracherkennungssoftware reagiert auf jedes Wort. Die „Think-Aloud-Methode“ musste hier also, ähnlich wie bei Screenreader-Nutzenden, angepasst werden. Wir empfehlen, die Testperson vorab zu bitten, ihre Spracherkennungssoftware immer wieder mit dem Befehl „Geh schlafen“ auszustellen, um ihre Gedanken und Gefühle zur Webseite zu formulieren. Alternativ kann der Test komplett durchgeführt und – mit dem Einverständnis von Testperson und weiteren Teilnehmenden - mitgeschnitten werden. Der Mitschnitt kann dann im Anschluss mit der Testperson angesehen und analysiert werden.

Fazit

Das Online-Testen mit Testpersonen, die Screenreader, Vergrößerungssoftware oder Spracherkennungssoftware nutzen, klappte prima. Wichtig zu wissen: Nur beim Einsatz der Windows-Bildschirmlupe wird die Bildschirmansicht der Testperson 1:1 übertragen. Außerdem sollte man sich die Notwendigkeit der Anpassung der „Think-Aloud-Methode“ für Screenreader- und Spracherkennungs-Nutzende bewusst machen.

Für das Online-Testen von Vorteil war die technische Kompetenz unserer Testpersonen: Im Moment melden sich für unser externes Team vor allem Nutzende, die technik-affin und Hilfsmittel-kompetent sind. Auch wenn sie nicht unbedingt Durchschnittsnutzende repräsentieren – diese Kompetenz ist hier vorteilhaft.

Hilfreich war auch, dass durch die örtliche Unabhängigkeit die Rekrutierung von Testpersonen einfacher wurde. Zudem arbeiteten die Testpersonen in ihrer gewohnten Umgebung und mit ihrer technischen Ausstattung. Das trug zur Entspannung während des Tests bei.

Unser Rat: Grundsätzlich ist es nicht ganz einfach, die Funktionalität von assitiven Technologien zu verstehen und die Ergebnisse von Nutzertests bewerten zu können. Wer regelmäßig mit Hilfsmittel-Nutzenden arbeiten möchte, braucht ein Grundverständnis für Accessibility-Anforderungen und Usability-Aspekte für Menschen mit Behinderungen sowie für das Zusammenspiel von assitiver Technologie, Webangebot und Browser. Binden Sie gegebenenfalls Fachleute ein.

Diesen Artikel finden Sie auch auf unserer Projektwebseite team-usability.de.

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